Einsamkeit


Habe mich mit 4 anderen Fotografen zusammengetan und wir treffen uns alle sechs Wochen zum „Fotokaffee“. Hier wollen wir uns Aufgaben zu bestimmten Themen stellen und dazu beim nächsten Treffen die jeweiligen Bilder, 3 je Fotograf, besprechen. Erstes Thema: Einsamkeit.

Zuerst dachte ich, dass das wohl ein „Klacks“ werden würde, das Internet ist überfüllt mit Bildern dazu. Bei genauerer Überlegung kamen dann die ersten Zweifel. Wie definiere ich Einsamkeit? Dazu habe ich erst mal bei Wikipedia gegoogelt. Schon hatte ich mein Problem: die Abgrenzung zwischen Alleinsein und echter Einsamkeit. Es folgten viele Überlegungen und Bildideen, die aber nicht so ganz meine Vorstellung von „Einsamkeit“ trafen. Der einzelne Baum auf dem Feld, einsamer Strand…, viel Klischee aber meines Erachtens am Ziel vorbei. Ich musste mir da erst mal meiner eigenen Definition von Einsamkeit klar werden und kam letztendlich zum Schluss, dass es wohl die folgende Aussage am Besten trifft: „Einsam ist, wer sich einsam fühlt“. Wir sind somit bei einer Emotion, die deutlich negativ geprägt ist. Der „einsame“ Eremit, zurückgezogen und von der Welt abgewandt, entspricht evtl. der klassischen Definition von „Einsam“ (Der Aphoristiker Alfred Polgar schuf den Satz „Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.“) jedoch fehlt mir hier das negative Gefühl. Von der Welt abgewandt um zu sich selbst zu finden, Ruhe zu suchen… vermitteln schließlich auch viele positive Gefühle. Also müssen meine Bilder auch beim Betrachter den negativen Aspekt deutlich zum Ausdruck bringen. Wo ist dieses negative Gefühl nun zu finden, um entsprechende Aufnahmen zu machen? Da fielen mir dann sofort einige Örtlichkeiten ein: Altersheim, Friedhof… und sofort machte sich eine deutliche Scheu bemerkbar, an diesen Orten zu fotografieren. Es geht schließlich um Menschen in einer schwierigen Situation, da ist Respekt und Einfühlungsvermögen deutlich wichtiger als der Wunsch einer guten Aufnahme. Letztendlich bin ich mit meinen Ergebnissen nicht wirklich zufrieden, eigentlich trifft für mich nur eine einzige davon das Thema wirklich. Hier zuerst ein paar Bilder, die häufig mit „Einsam“ tituliert werden, aber den Kern des Themas verfehlen, deshalb habe ich sie auch nicht in die Auswahl der 3 zu präsentierenden mit aufgenommen.

Hier nun die Bilder, die ich präsentiert habe:einsam-

Für meinen Geschmack noch immer am Thema vorbei, zu klischeehaft, aber die anderen Fotografen fanden das Thema gut getroffen. So unterschiedlich können Sichtweisen sein.einsam-2

Für mich der Inbegriff der Einsamkeit, ein Friedhof. Für die anderen Fotografen zu hart und direkt.einsam--2

Mein Favorit, hier kommt das Gefühl wohl am deutlichsten rüber. Diese Meinung teilten auch die anderen 4 Fotografen.

Jedenfalls eine tolle Sache, das „Fotokaffee“, regt es doch an, sich sehr intensiv mit der Fotografie auseinander zu setzen und ich erhoffe mir daraus, zu besseren Bildern zu kommen. Mal sehen, wie es weitergeht.

Gruß Stefan

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9 Gedanken zu „Einsamkeit

  1. So verschieden sind die Meinungen 😉

    Nr. 1 ist mein Einsamkeitsfav. möglicherweise wirklich Klischeehaft, aber das war nicht mein erster Gedanke. Die kleine Gestalt im Wald mit den großen Bäumen in der Gruppe kommt mir wirklich sehr einsam vor.
    Das 2. naja ist technisch auf alle Fälle fein, aber irgendwie schon fast kitschig, auch wenns ein trauriges Motiv ist.
    Die Person in Nr. 3 wirkt für mich, als würde er irgendetwas auf der anderen Wandseite zu lesen versuchen. Wirkt auf mich eher nicht einsam, vllt wenn man den Stuhl gegenüber (leer?) noch auf dem Bild hätte.

    Einsamkeit für mich, klar Nr 1!

    • Hi Annabella,
      wirklich toll, die verschiedenen Meinungen so komprimiert mitzubekommen. Viele Sichtweisen und Interpretationen, sehr interessant und lässt einen die eigene Sichtweise nochmals überdenken. Die Person in Nr. 3 war tatsächlich alleine, auf dem gegenüberliegenden Stuhl hängt sein Mantel, da hätte ich evtl. eine weitere Brennweite nehmen sollen, um das zu veranschaulichen. Der Blick ging zur Decke, ob er da was gesehen hat, kann ich nicht mehr sagen, er kam mir jedenfalls sehr einsam (alleine???) vor, nur so ein Gefühl.
      Danke für den Hinweis mit dem Stuhl, das hätte ich anders machen können, die Zeit hatte ich.
      Zu Nr.1, auch für mich Klischeehaft, aber eigentlich ist das ja auch nicht schlimm. Ich versuche so was meist zu vermeiden, warum eigentlich? Guter Hinweis zu meiner eigenen Gedankenwelt!
      Nummer 3, verständlich, wenn Du das fast kitschig findest, evtl. ist traurig hier wirklich passender? Sind zwei Gefühlszustände, die häufig zusammentreffen, Traurigkeit und Einsamkeit.
      Jedenfalls denke ich, dass das Thema toll gewählt war, viele Fragen und Möglichkeiten, aber keine Umsetzung mag so richtig dazu passen. Super interessant.
      LG Stefan

  2. Sowohl Bild 1 als auch Nr. 3 repräsentieren nach meinem Gefühl (!) Einsamkeit. Mir gefällt Bild 3 etwas besser,da ich die Gegenüberstellung des Mannes im Vordergrund zu den Gruppen im Hintergrund sehr gelungen finde.
    Nr. 2 symbolisiert für mich nicht automatisch Einsamkeit eher Trauer und Verlust.
    Das Thema ist selber ist faszinierend aber schwer umzusetzen. Volt versuche ich mich auch mal daran – eine echte Herausforderung.
    LG

    • Hallo, freut mich sehr, dass Du bei mir hereinschaust.
      Vielen Dank für Deine Anmerkungen, es ist immer sehr spannend zu erfahren, wie die eigenen Aufnahmen auf andere wirken. So eine Themenvorgabe hat was, wenn die Umsetzung auch nicht immer leicht ist. Ein hoffentlich wertvoller Schritt auf dem Weg zum „besseren“ Bild. Kann ich nur empfehlen.
      Viele Grüße Stefan

  3. „Wenn du einsam bist, gehe in den Wald. Jeder Baum ist ein Freund.“ Das sagte vor langer Zeit ein Schamane. Ich mag dein Bild im Wald, denn ich liebe den Wald, und ich mag diese Sicht, die etwas über einen Menschen im Wald erzählt. Vielleicht geht er an der Welt der Bäume vorbei, ohne etwas von dem eigentlichen Zauber zu wissen. Vielleicht ist dieser Mensch einsam, wer weiß.

    Ich finde es schwer, Einsamkeit darstellen zu wollen. Und dennoch ist es wohl in den meisten Photographien aller Bildermacher dieser Welt enthalten, die nicht mit Spirit verbunden sind. Zahlreiche Aufnahmen, die ich gemacht habe, erzählen mir etwas über die Einsamkeit, die in mir gewesen ist.

    Wer mag nun auf dem Favoritenbild einsam sein? Der gute Mann im Vordergrund? Oder jeder einzelne der Menschen im Hintergrund? Ich kann es nicht fühlen, ich kann es nicht wissen. Doch alleine sein zu können, ist nicht nur positiv an sich, sondern es ist eine wichtige Voraussetzung, um sich selbst fühlen und annehmen zu können. Eine Weise, um das Wesen des Herdentiers, des Mitläufers zu entkommen, ist Meditation.

    Einsamkeit als photographisches Thema? Angela Merkel mit ihrem nonnenhaften Blick in die Ferne, wenn die ehrlichen Worte fehlen? Oder ein Unternehmer, der zornerfüllt durch die Produktionshallen geht? Ein Junkie oder ein Bettler? Aber selbst ein Bettler kann eins mit sich und der Welt sein.

    Wahrlich, wahrlich, ein schwieriges Thema. Einen Friedhof als Idee – wunderbar. Ich habe Friedhöfe immer geliebt, vielleicht, weil meine Freunde, die Bäume und ich lebendig sind im Gegensatz zum kalten Marmor und den toten Blumen, Insignien einer toten Gesellschaft. Ich würde mich auf die Lauer legen – und all die Menschen interviewen, die den christlichen Totenkult einsam vollziehen. Dann, wenn sie mir erlauben, ihre Einsamkeit zu thematisieren, würde die eigentliche Arbeit erst beginnen.

    Kontakt und Kommunikation – das sind für mich elementare Bestandteile photographischen Schaffens. Doch was ist Kontakt, wirklicher Kontakt? Solange der Photograph einsam ist, kann er photographieren was er will, und jedes Bild erzählt von seinem Inneren. Ist der Photograph gerne allein mit sich und der Welt, ruft selbst ein Stilleben beim Betrachter keine Einsamkeit hervor.

    Liebe Grüße und ein Gutes Gelingen
    Burcado

    • Hallo Burcado,
      zuerst einmal herzlichen Dank für Deine sehr interessanten und aussagekräftigen Kommentare und den Besuch auf meiner Seite. Ich habe diese Kommentare schon gestern gelesen, hatte aber leider nicht die Zeit für eine Antwort.
      Einsamkeit ist wahrlich ein schwieriges Thema in der Fotografie. Bilder können schon rein per Definition nur Sichtbares sichtbar machen. Alles andere überlässt man der Interpretation des Betrachters. Ich versuche immer öfter, meine Aufnahmen nach dem Vier-Augen-Modell von Martin Zurmühle zu gestalten. Dieses Kommunikationsmodell beruht auf folgenden „Vier Augen“:
      Form-Auge, Ich-Auge, Erzähl-Auge, Gefühls-Auge. Für das Form-Auge gibt es ja reichlich Hilfsmittel zur Bildgestaltung, wie z.B. den goldenen Schnitt und einige andere. Die anderen Augen sind da deutlich schwieriger und komplexer. Eine Geschichte mit der Aufnahme zu erzählen und Gefühle anzusprechen bzw. widerzuspiegeln ist dann schon anspruchsvoller, das Ich-Auge, die Selbstkundgabe ist für mich die größte Herausforderung.
      Einsamkeit mit einer Fotografie auszudrücken hat aber so seine Probleme. Sie ist nicht sichtbar und an anderen Menschen oft noch nicht mal zu spüren, sie wird aus Selbstschutz meist gut verborgen. Was verborgen ist, kann nur schwer eine Geschichte erzählen und Gefühle anregen. Ich werde daher mal versuchen, das Thema anders anzugehen, über das Ich-Auge, die Selbstkundgabe. Es bleibt natürlich wieder für den Betrachter ein großer Interpretationsspielraum, aber das macht ja ein Bild wieder spannend.
      Liebe Grüße
      Stefan

      • Moin Moin Stefan,

        die Frage bei dem ’selbstgestalteten‘ Selbstportrait in einem einsamen Moment erscheint mir als ‚die‘ Herausforderung an sich.

        Ich habe zwei große Sessions gemacht, die eine 1986, die andere vor ein paar Jahren. Beide Male ‚Einsamkeit‘ als Thema, doch das habe ich erst hinterher bemerkt, als ich mir die Aufnahmen angeschaut habe.

        Es sind private Bilder, denn die eigene Einsamkeit wahrzunehmen und auszuhalten, das ist wohl die größte Herausforderung.

        Und so wird auch deutlich, wie schwer es sein wird, wenn wir das Thema ‚Einsamkeit im Leben‘ an sich darstellen wollen. Kann ich es einem geliebten Menschen zumuten, sich photographieren zu lassen, wenn er einsam ist? Darf ich einen unbekannten Menschen, der deutlich Einsamkeit widerspiegelt, ohne seine Erlaubnis portraitieren?

        Ich weiß, warum ich meine eigenen Einsamkeitsbilder nicht publiziere. Das ist meine Privatheit. Und das ist mir wichtig im Umgang mit mir selbst und anderen. Privat darf privat sein.

        Liebe Grüße
        Burcado

      • Hallo Burcado,
        mir geht es da ganz ähnlich, Privat darf auch privat sein. Wobei man so einen wichtigen Teil eines Bildes einschränkt, die Selbstkundgabe. Aber das selbstgestaltete Selbstportrait ist auch mir etwas zuviel davon. Die Eigene Einsamkeit wahrzunehmen, sollte einem selbstkritischen Menschen nicht schwerfallen, sie auszuhalten ist sicherlich eine große Herausforderung. Die Steigerung dazu ist in meinem Augen, diese Einsamkeit zu überwinden. Auch ich publiziere diese Bilder nicht, denn hier gilt für mich: Diese Privatsphäre muss Privat bleiben!
        Liebe Grüße
        Stefan

  4. Hallo Stefan,
    Gute Bilder! Ich musste gerade selbst eine kleine Reihe zum selben Thema anfertigen.
    Ich wollte fragen, wieso du entschieden hast in schwarzweiß zu fotografieren und welche anderen fotografischen Mittel du vor allem beachtet hast?
    Liebe Grüße!

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