Einsamkeit, die Zweite


Irgendwie lässt mich das Thema nicht los. Nachdem mich meine fotografische Umsetzung bisher nicht wirklich überzeugt, noch so ein paar Gedanken dazu. Wie setze ich als Fotograf meine eigene Einsamkeit in Szene? Schließlich sind ja nicht immer nur andere davon betroffen, selbst ist man ja auch nicht davor gefeit, diesem Gefühl ausgesetzt zu sein. Mir gelingt es bisher nicht, eine entsprechende Idee zu entwickeln. Ein Selbstportrait anfertigen, während man sich einsam fühlt? Doch sehr inszeniert und damit nicht realistisch genug. So bleibt mir nur, ein Bild mit Text zu begleiten. Ein Beispiel:

Einsam-Während eines Urlaubs in Ägypten, ausgefüllt mit Tauchen, Tierfotografie am Strand und reichlich Planschen mit den Kindern im Pool kam der Wunsch auf, schöne Wüstenbilder zu machen. Also am frühen Abend los um die Wüste im Abendlicht aufs Bild zu bannen. Dazu raus aus der Hotelanlage und ab in die Wüste. Zuerst über die Küstenstrasse und an den Wohnhütten der einheimischen Bevölkerung vorbei, dann wird die Wüste wohl schnell beginnen. Jedoch kam es anders. Über eine lange Strecke von einigen KM war alles mit Müll und Bauschutt übersät. Eine örtliche Müllabfuhr mit zugehöriger Deponie kann man dort lange suchen, alles was Mensch nicht mehr braucht wird einfach in die Wüste gekippt. Ein fürchterlicher Anblick. Um doch noch meine schönen Wüstenbilder zu bekommen, musste ich da wohl durch. So kämpfte ich mich im wahrsten Sinne des Wortes durch all den Schutt, kam an einigen Kuhlen vorbei, die mit faulig stinkendem Wasser gefüllt waren und dabei viele Spuren von Tieren zeigten, bis ich nach ca. 5 KM an die Ränder der Müllfläche kam. Nun ging aber schon langsam die Sonne unter, also mussten die Bilder hier gemacht werden.

Immer noch Bauschutt und Müll im Bild, aber zumindest authentisch. Schließlich machte ich mich auf den Rückweg. Dunkel wars und so kam schnell ein Gefühl der Beklemmung auf. Ich dachte an die Tierspuren, die ich an den Wasserstellen gesehen hatte, und die negativen Empfindungen steigerten sich. Wer will wohl bei Nacht mutterseelenallein einem Rudel der streunenden Hunde begegnen, die es hier sehr zahlreich gab? Weitere Überlegungen: wo Wasser ist, da sind Tiere, besonders in einer Wüste. Wo Schutt ist, sind Verstecke. Ich befand mich im Habitat einiger sehr gefährlicher Tiere: Sandrasselottern gibt es hier häufig, die wohl gefährlichste Schlange weltweit. Aufgrund ihrer Aggressivität und einem sehr starken Gift, sowie der Angewohnheit, sich häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen aufzuhalten, kommt es in Ihrem Verbreitungsgebiet zu mehreren Tausend Bissverletzungen jährlich, die nicht selten zum Tode führen. Auch sind in dem Gebiet der Sahara Dickschwanzskopion und der gelbe Mittelmeerskorpion heimisch, noch so ein paar Viecher, denen ich nicht nächtens über den Weg laufen möchte. Problematisch an der Sache: Alle genannten Arten sind nachtaktiv! Das Stativ wieder raus aus dem Rucksack und damit den Weg vor mir abgetastet, einerseits, weil ich nicht mehr gesehen habe, wo ich hinlaufe, andererseits um notfalls eine Art Waffe in der Hand zu haben. Der Rückweg dauerte fast 2 Stunden und dabei habe ich mich mehr als einsam gefühlt.

Wie bringe ich so etwas realistisch aufs Bild??? Wie geht Ihr so ein Thema an?

Über Anregungen wäre ich dankbar.

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9 Gedanken zu „Einsamkeit, die Zweite

  1. Hi Stefan,
    schade dass ich an Euren Fotokaffees nicht teilhaben kann. Ihr habt da ein interessantes Thema aufgegriffen. Mit grossem Interesse habe ich die zwei Artikel über Einsamkeit als Fotothema gelesen und die Fotos angeschaut. Ich habe dann auch noch dazu recherchiert um mir ein Urteil zu erlauben. Von Deinen Fotos im ersten Artikel hätte auch ich das vierte ausgewählt, aber wer weiss schon ob der Mann im Bild nur allein oder wirklich einsam ist. Auf dem Friedhof eine trauernde Person abzulichten wäre dem Thema meiner Ansicht nach noch ein Stückchen näher gekommen. Ob man das Thema zu 100 Prozent in einem Bild wieder geben kann weiss ich nicht.
    Das Foto in diesem Artikel braucht, wie Du selbst schreibst Deine Worte um Einsamkeit zu vermitteln. Ohne die Story dahinter ist es einfach nur ein schönes Foto. Die Geschichte finde ich allerdings spannend weil ich das Gefühl kenne. Ich bin schon viel alleine gereist und war demnach schon häufiger nachts allein unterwegs, sowohl in dubiosen Stadtvierteln wie auch in der Natur. Ich kann mich z.B. noch gut erinnern als ich 4 Monate allein in Australien unterwegs war. Ich habe in der Zeit insgesamt etwa 60 Nächte wild gezeltet. Anfangs hatte ich total Schiss wegen Schlangen und anderen Tierchen. Die Angst ist aber mit der Zeit einer gesunden Vorsicht gewichen. Ich habe mich damals auch ab und zu einsam gefühlt, meine Fotos könnten das allerdings nicht so wieder geben. Ich denke aber, dass Du jetzt wo Deine Sinne für das Thema geschärft sind, irgendwann unerwartet das richtige Motiv finden wirst.
    LG, Gilles

    • Hi Gilles,
      Du gibts ja Heute Vollgas, sehr schöne und umfassende Kommentare, bin beeindruckt und sehr erfreut!!!
      Ich hätte Dich gerne beim Fotokaffee dabei, aufgrund der Entfernung wird das so leider nicht möglich sein, bist aber jedenfalls herzlichst dazu eingeladen. Ich habe da aber so eine Idee, wie wir etwas in der Art doch zusammen machen könnten.
      Wir könnten z.B. einen gemeinsamen neuen Blog „Fotokaffee“ einrichten, bei dem wir ähnlich vorgehen, wir geben uns ein gemeinsames Thema mit genauen Vorgaben, ein Zeitlimit zur Umsetzung und posten dann die Ergebnisse im Blog. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir dafür noch ein paar Fotografen gewinnen könnten. Wenn Dich das interessiert, schreib mir doch einfach eine Email (Adresse findest Du in meinem Impressum). Ich hätte da jedenfalls großes Interesse daran.
      Zum Bild: Sollte ich mal eine 100%ige Umsetzung erreichen, wäre das der Hammer. Das Streben nach dem perfekten Bild ist sicherlich ein großer Ansporn, aber das „perfekte Bild“ kann es m.E. gar nicht geben. Zum Glück, sonst wäre ja der Reiz an der Sache weg.
      Viele Grüße, Stefan

  2. hallo stefan,
    sehr schweres thema !…da es mehr einen bewussteinszustand zeigt als einen realen ..istzustand…zeige ich ein bild wo ich einsam war ( z.b. mitten in der menge in einer discothek) denkt der beschauer…ich hätte mich voll ins soziale gewühl gestürzt…und ein weiteres problem : ich bin z.b. gerne einsam im sinne von allein mit mir ( da habe ich abstand vom jobtrubel und der familie und entspanne am besten…nichts macht mir mehr spass als abends durch eine fremde stadt zu laufen und zu entdecken ), zeige ich diese bilder mitten in der leere der landschaft denkt der beschauer : ach der arme kerl…dabei war es für mich ein toller, stiller, inspirativer moment…daher meine überlegung : jeder muss das thema für sich angehen und definieren und dann versuchen mit der kamera sich anzunähren…um irgendwann ein bild zu schaffen das zumindestens für ihn selbst am besten das gefühl:einsamkeit…wiederspiegelt….ich glaube ganz gelingt das nie !
    beste grüsse, jürgen

    • Hallo Jürgen,
      auch Dir herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich gebe Dir bei Deinen Überlegungen voll und ganz recht, ein wirklich schweres Thema. Wie soll man ein Gefühl auch wirklich realistisch wiedergeben? Besonders, wenn die Definition alleine schon Schwierigkeiten bereitet. Es war jedoch eine durchaus lehrreiche Thematik, die mir in vielen Bereichen neue Denkanstösse gebracht hat. Wie ich schon zu Gilles Kommentar geschrieben habe, das Ziel nicht ganz erreicht zu haben macht den Reiz an der Sache aus, so behält man sich die Freude an der Fotografie. Das ist doch ein Hauptziel bereits erreicht.
      Herzliche Grüsse, Stefan

  3. Gerne würde ich dir DEN Tipp geben, aber … Was wichtig ist, wie Jürgen auch schon geschrieben hat, ist, dass das Bild für dich authentisch ist und auch für dich das Gefühl der Einsamkeit ausdrückt. Eine gewisse Einsamkeit habe ich bei dem obigen Bild auf jeden Fall gefühlt, habe innerlich noch einen ausgedorrten Baum gesehen, aber ob das wiederum Einsamkeit ausdrücken würde, wahrscheinlich wäre es eher Trostlosigkeit … daneben eine sitzende Person, klein … Vielleicht könnte man an der Perspektive arbeiten und das Gefühl der Einsamkeit dadurch verstärken … Ein schwieriges, aber sehr spannendes Thema! Ich denke, du wirst das schaffen 😉 Je mehr du ausprobiert, desto mehr Ideen werden kommen.

    • Hallo Anette,
      auch Dir meinen herzlichen Dank für den Kommentar! Ich sehe schon, das Thema war wirklich schwierig, DEN Tipp kann und wird es nicht geben, genauso wenig wie das perfekte Bild. Jedenfalls hat das Thema wie auch Euer Feedback mich ein erhebliches Stück weiter gebracht. Sich intensiv damit zu befassen und vieles zu versuchen sollte einen auf dem Weg zum besseren Bild unterstützen. Weitermachen, mit den Ergebnissen glücklich, aber nicht vollends zufrieden zu sein, erhält einem den Spass an der Sache und den Ansporn, sich stetig zu hinterfragen und somit zu verbessern.
      Ich bin dann mal glücklich 🙂
      Liebe Grüße, Stefan

  4. SPONTANEITÄT UND INNERES THEMA VERSUS MIND UND GRUPPENTHEMA.

    Wenn du einsam bist, dann widerspiegelt dein Photo deine Einsamkeit. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Wenn du hundert Worte brauchst, um ein Bild zu kommentieren, ist etwas falsch.

    Wenn ich einsam bin, was mache ich dann mit der Einsamkeit? Spüre ich sie oder gehe ich über sie hinweg? Achtsam mit sich selbst zu sein, vielleicht ist das der erste Schritt. Jeden Moment des Lebens auf seinen unterschiedlichen Ebenen wahrzunehmen. Der Blick nach Innen kennt keine Photographie.

    Als ich vor mehr als dreißig Jahren meine Einsamkeit spürte, ging ich mit meiner kleinen Kamera nach draußen, um zu photographieren. Es waren lebendige Kinder, die mich Anteil nehmen ließen. Murmel spielen, Theater spielen. Es waren Kinder, die rannten, Kinder in einer Mülltonne und Kinder, die mit Revolvern spielten. Wenn wir einsam und depressiv sind, kann die Welt der Photographie therapeutisch wirken.

    Was intensiver ist, sind für mich aktive Meditationen. Oder Gestalttherapie. Oder eine Mischung. Vielleicht findest du ein Modell, das dich dabei zuschauen lässt. Aber dann würde ich das Thema erweitern. Der Mensch, seine Gefühle, seine Stimmungen. Das sind für mich Impulse, die mich in jedem Moment des Lebens begleiten. Mein Mind darf abschalten.

    Gehe ich durch das Leben ohne Thema, bin ich offen für das Leben. Gehe ich alleine mit der Kamera und warte auf einen Kick, dann tue ich dies, um meine Gefühle zu deckeln. Dann ist das Außen Objekt meiner tiefen Langeweile – und meiner Einsamkeit. Wirkliche Einsamkeit passiert hinter der Kamera. Denn für ein ‚gutes‘ Bild muss der Photograph eins mit der Situation sein.

    Identifiziere ich mich nicht mehr mit Einsamkeit, wird Einsamkeit langweilig. Dann schaue ich nach Menschen, die meine Lebensfreude und Lebenslust widerspiegeln. Arbeite ich bewusst mit Menschen, die einsam sind, vielleicht auch dement, nehme ich wahr und identifiziere mich nicht mit dem Geschehen. Ob ich dann photographiere, hängt von meiner Aufgabe ab. Von dem Sinn, den ich meinem Handeln gebe. Vielleicht wären aufmunternde Worte oder Händchen halten sinnvoller. Es muss nicht immer Photographieren sein.

    PS
    Wenn es das Thema sein soll, könntest du zum Theater gehen. Warten auf Godot. Schauspieler können Emotionen und Stimmungen sehr gut zum Ausdruck bringen. Und die meisten lieben es, photographiert zu werden.

    • „Wenn du hundert Worte brauchst, um ein Bild zu kommentieren, ist etwas falsch“
      Wahre Worte, genau hier liegt mein Dilemma!
      Jedes Foto zeigt zu einem gewissen Maße auch etwas vom Fotografen selbst, eine Form der Selbstkundgabe und somit ein wichtiger Bestandteil eines guten Bildes. Den Schwerpunkt der Bildaussage in diese Richtung zu setzen ist die wahre Meisterschaft. Hier habe ich noch einen weiten Weg zu gehen. Evtl. erwarte ich aber auch zuviel, eigentlich wollte ich dem Betrachter nur ein geringes Maß an Interpretationsmöglichkeiten geben um ein möglichst konkretes Bild meiner eigenen Sichtweise zu geben.
      „Gehe ich durch das Leben ohne Thema, bin ich offen für das Leben“
      Ebenso wahre Worte. Jedoch ist gerade Fotografie zu einem festgelegten Thema sehr inspirierend und erweitert den Horizont. Gerade das „intensive Auseinandersetzen“ führt zu neuen Sichtweisen. Für mich eine wertvolle Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit zu festigen.
      Viele Grüße
      Stefan

      • PHOTOGRAPHEN UNTER SICH?

        Menschen mit einer ähnlichen Wellenlänge zu finden, ist wichtig. Damit unsere ‚virtuelle‘ Beschäftigung zum Thema nicht zum Belehren wird, sondern lebendig bleibt, habe ich mich gerne zu einem Tagebuch-Eintrag auf ‚Wordpress‘ inspirieren lassen.

        ENTWICKLUNG – so habe ich den Beitrag genannt, eine Reflexion einer an sich spannenden Situation, umrankt von Nettigkeiten und Peinlichem, eigentlich nur ungeschrieben in meinem Kopf, aber wenn wir schon gewisse Selbstportraits zurückhalten, dann etwas, was vielleicht die Entwicklung unseres photographischen Weges ‚beleuchtet‘.

        http://satjam.wordpress.com/2013/06/08/entwicklung

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