Benebelt


3 Uhr morgens, ich bin wach. Die sechste Nacht in Folge das Gleiche, erneut einzuschlafen gelingt nicht, ich schäle mich aus dem Bett und setze mich an den Rechner, um die Zeit totzuschlagen. Eigentlich müsste Sie schon längst stillstehen, habe Ihr zwischenzeitlich ja reichlich eines auf die Nase gegeben. Leide ich an seniler Bettflucht? Wohl nicht, mit meinen zarten 20+++ ist´s wohl noch zu früh dafür. Langsam verrinnt die Zeit, schließlich ist es 6 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Warum eigentlich, der ist gerade nutzlos wie ein Kropf.

Ab ins Bad. Ein junger Bruce Willis schaut mir aus dem Spiegel entgegen, zumindest die schicke Frisur und die tiefen Falten im Gesicht haben wir gleich. Lediglich die schwarzumrandeten Augen eines Marilyn Manson scheinen den Gesamteindruck zu stören. Die zusätzlichen Lachfältchen, die ich mir gerade beim Rasieren ins Gesicht gehobelt habe, verschlimmern das Ganze. Der Blick aus dem Fenster in eine Nebelsuppe weckt Assoziationen an „the Fog“ von John Carpenter und ich wirke wie einer der unheimlichen Hauptdarsteller. Kleider machen Leute, also rein in den Anzug. Erneut habe ich den Eindruck, dass ich zum Gestaltenwandler mutiert bin, mir grinst ganz dumm ein Otto Walkes auf dem Weg zur nächsten Transenparty aus dem Spiegel entgegen.

Dann gebe ich mir jetzt einfach eine dicke, schwarze Bohnensuppe, die weckt die Lebensgeister, denke ich. Kühlschank auf und die erste Dose raus. Kräftig und vollmundig steht drauf, ist aber leer. Nächste Dose, Espresso, auch leer. Bei der dritten habe ich Glück, noch komplett voll. Schwiegermutterkaffee, mild, magenfreundlich, koffeinfrei…! Raus aus dem Anzug, hat Heute nicht viel Sinn und rein in die Tarnfleckjacke, damit mich niemand erkennt. Noch schnell das Fotozeugs gepackt, Die Große Kamera kommt mit, dazu das 24-70 und das 70-200. Nebelbilder passend zur Stimmung werden es wohl werden.

Rein ins Auto und nach 2 KM bin ich auch schon am Ziel. Der Kuhsee, direkt im Stadtgebiet von Augsburg gelegen, sieht bei so einer Wetterlage eigentlich immer toll aus. Enttäuschung kommt auf, eine Großbaustelle macht den ersten schönen Eindruck wieder zunichte. Ein neues Wasserkraftwerk wird direkt am nördlichen Ende des Sees gebaut, hier fließt auch der Lech. Wer braucht denn all diesen Strom? Muss man dieses schöne Fleckchen Augsburg jetzt auch noch platt machen? Kurze Eigenreflexion, mir kommt das Bild meiner Monitorphalanx wieder in den Sinn. Ich würge meinen Unmut runter und schleiche weiter. Mich an der eigenen Nase zu fassen erscheint mir unsinnig, ich sehe ja sowieso schon angeschlagen genug aus. Nach nur 100m ist die Baustelle nicht mehr zu sehen, Herbststimmung kommt auf. Also Kamera raus und ein Objektiv ran schrauben. Die Tasche aufgemacht und mein 105er Makro sowie das 300/4er Tele purzeln mir entgegen, wie hätte es Heute auch anders sein können. Die Anforderungen steigen also, das 105er für Landschaft, muss man eben neue Wege gehen. Irgendwie ist es aber dann doch noch ganz gut geworden.

Der nächste Tag, wieder 3 Uhr und ich sitze vor dem Rechner. Also genug Zeit, diesen kleinen Artikel zu schreiben.

viele Grüße, Stefan

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7 Gedanken zu „Benebelt

  1. 😉

    Der wohl best geschriebene Artikel bisher.
    Hart, emotional und dicker schwarzer Bohnenkafee Humor.

    Minimiert aufs Makro und Tele, sollte man schließlich auch mal ausprobiert haben.

    • Hallo Anna,
      7:45 Uhr, gerade aufgewacht, Rotwein wirkt Wunder, wenn die Dosis stimmt 🙂
      Vielen Dank für das große Kompliment! Scheinbar hat mein Cluster auch seine guten Seiten, weckt die Kreativität in mir.
      LG Stefan

    • Hi Gilles, freut mich sehr, dass Dir mein „Geschwurbel“ gefällt, bin ich wenigstens nicht der Einzige 🙂
      Dann werde ich die Anregung mal aufnehmen und als nächstes ein paar Nachtaufnahmen von Augsburg als neues Fotoprojekt in Angriff nehmen. Sicherlich sinnvoller, als die Zeit totzuschlagen.
      Herzliche Grüsse, Stefan

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